Fallen like the Rain

Tristan Rühl


 

Daylight

by Tristan Rühl

 

Dunkelheit. Regen. Prasselndes Sperrfeuer, beleuchtet durch das fahle Licht der Laternen. Häuser mit toten Fenstern sahen auf die Straßenruinen herab, spotteten über die überwachsenden Gehwege und die alten Bäume, die sich klagend im Wind beugten und bogen.

Er saß auf einer Bank. Licht strömte von einer entfernten Laterne zu ihm, gab jedoch kurz vor ihm auf und überließ ihn den Schatten seiner selbst. Der starke Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht, doch er wandte sich nicht ab. Trotzend starrte er in das weite nichts vor ihm, dass sich über Täler, Bäche und seinen Verstand ausgedehnt hatte. Er drehte den Kopf nach links. Schwärze, schemenhafte Gestalten im Schatten, schwaches Licht von einzelnen Laternen. Auch sie konnten die Nacht nicht vertreiben. In ihrem kleinen Radius schufen sie Tageslicht, doch neben ihnen, über ihnen höhnte trotzdem die Nacht mit ihrer entsetzlich stillen Gelassenheit auf sie herab.

Der starke Regen ummalte die Nacht mit einem stetigen prasseln, Millionen von Schlägen, die die Erde heimsuchten. Jetzt stand er auf.

Eine Weile stand er einfach nur so da, die Hände in den Taschen vergraben. Laufen, stehen, fallen. Was gibt treffender wieder, was Leben bedeutet? Der Gedanke amüsierte ihn, ein Lächeln durchdrang sein kaltes Gesicht, doch der Regen peitschte es wieder weg.

 

``Einen Schritt nach dem andern.``,

dachte er. Er versuchte einen Schritt zu gehen, es kam ihm vor, als wäre es sein erster, doch er lief, sicher, ohne zu wanken. Er lief zu einer der Laternen, die ihr kümmerliches Licht über die Erde fluteten und sah auf. Schmerzvoll stach das Licht durch seine Augen hindurch direkt in seine Gedanken. Er senkte den Kopf, tat einen tiefen Atemzug. Schmerzvoll zerschnitt ihm die eiskalte Luft seine Lungen. Er atmete aus. Erleichterung, Erlösung.

Der Regen ergoss sich jetzt noch stärker auf ihn, der Wind pfiff seine einsame Melodie. Doch er wollte diesem Lied nicht mehr lauschen, zu oft hatte er es schon gehört.

So lief er weiter. Durch die Nacht, durch den Regen.

Ihm war als würde die Stille zu ihm sprechen, verzweifelt darum flehend, dass der Regen aufhören möge sie zu quälen. Er lauschte angestrengt. Nichts.

Nur der Wind flüsterte ihm leise zu, doch er konnte nicht verstehen was. Er gab es auf und ging seines Wegs. Links und rechts reckten sich mit knorrigen Händen dunkle Gestalten nach ihm, sie knarrten und bogen sich nach ihm. Er sah sich um. Verlassene Straßen, tote Häuser, einsame Gärten. Alles wie immer halt.

Und der Regen wurde stärker.

 

 

 

Crash of

by Tristan Rühl

 

 

Ein Schritt. Er hallte durch eine Monotone graue Schuttwüste hindurch, hart und kalt. Der Schuh senkte sich in den Kieseligen Boden, kleine Steine spritzten weg, blieben in der Luft hängen, schwebten sich drehend über dem Boden. Noch ein Schritt, rascheln, tiefe, kratzende Atemzüge suchten ihren Weg hier hin. Langsam dämmerte das Licht durch das gebundene Sein hindurch, auf der Such nach etwas neuem, doch es fand nur Kälte, Finsternis, Tod. Nichts neues, dass sich lohnte zu retten. Zeitrisse die in einander flossen schickten ihre Gedanken als Stimmen Gewirr durch diese endlose Nacht, sie sollten auch suchen, auch nach etwas neuem in dieser Monotonie, doch um es zu zerstören. Eine Notwendigkeit ging von hier aus, ein Schreien nach zerbrochenem Glück, nach Halt, nach Untergang.

 

Leise lief er den Gehweg entlang, kaltes, hartes Kopfsteinpflaster. Durch seine dünnen Schuhe konnte er die Furchen und Gräben im Weg spüren, die Krater, die Schluchten, er konnte einfach über sich hinwegsteigen. Er dachte an seine größte Geißel, an sie. Gedanken durchzogen seinen Verstand, kalte Ranken umschlossen seinen Optimismus und würgten ihn, rissen ihn auseinander. Sein Blut schwemmte einen Pessimismus herbei, der neue, schwarze Ranken durch seinen Körper zog. Sie waren nicht schmerzhaft, nicht einengend, nein. Sie waren einfach da.

Er lief und lief, er lief weiter. Stur auf nichts entgegen, stur nach keinen Plan handelnd. Nur die Karte, die unter seiner Haut brannte, glühte in seinem Verstand und wies ihm den Weg. Den Weg der gehängten, der Geächteten, den Weg für alle die nichts mehr Wert waren. Stur lief er diesen Weg, stur blieb er auf ihm, stur liebte er ihn. Ihr lächeln flog vor ihm her, lachte ihn an, lachte ihn aus, ließ ihn nicht los. Blaue Augen, ein wunderschönes Gesicht und ein vernarbtes Leben, dass immer wieder aufriss, nur um ja allen anderen zeigen zu können, welche Farbe ihr innerstes Blut hatte. Dunkel floss es unter ihrem Lächeln hervor, stillschweigend log sie, während ihr Leben einem Reißenden Fluss trotzend aus ihr floh. Er ging weiter, immer weiter.

Schmatzend hoben sich seine Füße bei jedem Schritt aus dem reißenden Fluss, aus einem neuen, gut verlorengegangenen Leben. Senkten sich wieder, traten in eine neue Erinnerung, zermalmten sie unter den Sohlen.

Ja, er konnte die Furchen spüren, die Schluchten, die Spitzen Felsen. Ja, er lief weiter, immer weiter. Sein Blut schoss durch seine Venen, durch seinen Kopf, überschwemmte seine Gedanken. Verzweifelt versuchte er sie festzuhalten, doch es gelang ihm nicht. Auch sie liefen weiter, immer weiter.

 

 

Der Tod lächelte immer, sie lächelte immer, doch beide logen unverschämt auf die Dunkelheit herab, verachteten alles Tote, mieden das Lebendige, sie waren ihre eigene Kategorie, die einzigen unter Milliarden Individuen. Wenn alle doch so anders sind, ist nicht das wieder eine Form der Gleichheit? Eine Verachtung? Er lief weiter, immer weiter. Sein Blut brannte in ihm, seine Augen sahen die Schwärze unter ihm leuchten. Er träumte zerbrochene Träume, sehnte sich nach zerstörten Wünschen und versuchte eine Zukunft zu erreichen, die längst vernichtet war. Zerstört, verloren, aufgegeben. Er lief weiter, immer weiter.

Leichter Wind fuhr ihn an, schob ihm neue Geheimnisse zu. Ein flüstern, das in seinem Kopf um Gnade schrie. Wärme strahlte von der Sonne auf seinen Kopf. Welch ein schönes Wetter. Morgen sollte es regnen. Doch er lief weiter.

Hallend stieß sich der Gesang des Windes vom Himmel ab, und fuhr in seinen Kopf, wo es nicht mehr die Möglichkeit hatte, zu entfliehen. Schmerzen rüttelten ihn wach, von einem Schlaf, den er nie träumen durfte. Schmerzen erlitten seine Verachtung und zahlten es ihm mit Leid zurück. Nichts gab in ihm Raum zum Leben, also schufen sie sich welchen. Während seine unterdrückten Schreie versuchten seine Wünsche zu verzehren, konnte er seinen Träumen nur beim Todesschrei sterben hören. In ihm gebündelt lief all diese Verderbnis in einem Ewigen Kreislauf ab, in ihm trug seine Wut die Maske der Moral, wobei Gerechtigkeit vor sehr langer Zeit bereits aus ihm geflohen war.

Nichts hatte er festhalten können, nicht einmal sie. Sie war für ihn immer die eine gewesen, doch sie wollte nie etwas einziges sein. Zu groß war ihr Hass gegen sich gewesen, zu sehr hatte sie sich selbst verachtet. All dieser Hass in ihr, all die Enttäuschungen, all ihr Leben hatte sie in sich selbst entfremdet. Sie hatte nie gewinnen wollen, also verlor sie auch. Wie soll man auch gegen sich selbst gewinnen?

Ja, er konnte die Furchen spüren, die sich vor ihm ausbreiteten. Ja, er konnte die Dornen sehen, die am Wegesrand wuchsen und sein Herz vor nicht allzu langer Zeit umschlossen hatten. Ja, er konnte sich bluten sehen. Wahnsinn überfiel ihn von Zeit zu Zeit, doch er war sich und der Vernunft nie näher gewesen, als in diesen Augenblicken. All diese Ketten die ihn an sich banden konnten niemals reißen, er würde nie frei sein. Niemals.

Seine Schritte lenkten seinen Weg, er ließ sich laufen. Ohne Umschweife, Umwege oder Ausflüchte zog er es lieber vor, den Weg zu gehen, den alle für unmöglich hielten. Um ihn herum schwebten all die guten Ratschläge, Halbwahrheiten, Lüge und Besserwisserreien, die sein Leben so sehr geformt hatten. Um ihn herum schwebte sein Leben in engen Kreisen um seine Demut, eingeschlossen, ohne jemals ein Teil von ihm sein zu können.

Er wollte noch nicht sterben.

 

Judgement

by Tristan Rühl

 

Kalt starrte der weiße Schnee von der Erde hoch, über Täler und Hügel zog er sich hin. Dächer, Bäume, Wege, nichts war verschont geblieben. Alles strahlte in der Monotonen Farbenpracht allein und einsam vor sich hin. Häuser mit roten Backsteinen, rote stille Zeitzeugen der Natur hatten hier und dort die Monotonie durchstoßen können, dennoch war sie vorherrschend. Einzig und allein die Straßen waren in braunem Schneematsch und wer weiß in was noch getaucht.

Sie lief über die weißen, unschuldigen Gehwege, über Schnee und Eis, immer weiter den Weg entlang. Sie konnte die Kälte durch ihre Schuhe kriechen spüren, es war die gleiche Kälte die auf ihrer Wange brannte, die ihre Augen zum Tränen brachte. Unbeirrt ging sie weiter, durch den Schnee, durch das Eis, an der Matschgetränkten Straße entlang. Ein rotes Auto fuhr vorbei. Ein bizarres Farbspiel in dieser unwirklichen Welt. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, unschuldige, unberührte Flächen, die sie mit einem Schritt zertrat. Kalt aber unschuldig. Zahlreich und doch wehrlos. Weiter zertrat sie mit jedem Schritt, weiter ging sie auf dem Weg entlang, der ungeebnet vor ihr lag. Ein Schritt, Knirschen, wieder ein Schritt, wieder Knirschen. Ein strahlend klarer Himmel hing verhängnisvoll über ihr, Licht strahlte hell auf sie herab, grell und anhaltend. Knirschen. Sie ging immer noch weiter. Neben ihr erhoben sich Häuser, verschneite Bäume, doch achtlos ging sie vorüber, sie machte sich nichts aus den Dingen, die sie nicht direkt betrafen. Häuser, Leute, zerstörte Leben, alles das gleiche. Hunger quälte ihre Gedanken, nicht nach Essen, nein, sie brauchte etwas anderes. Etwas Neues. Jemand neuen. Es gab so viele, die es gab, die sie haben konnte, doch nicht alle konnten ihr geben, was sie suchte. Die meisten knickten zu schnell ein, hatten eine viel zu niedrige Belastungsgrenze, es machte keinen Spaß, wenn sie zu schnell nachgaben. Doch wenn man Mühe investierte, mehr und mehr, dann konnte man sie langsam, ganz langsam ausbluten lassen.

Der Anblick dieser Seelischen Qualen entschädigt dann doch am Ende die ganze mühselige Vorarbeit, die ganze geleistete Kraft. So leicht, wie sie hier Schnee knirschen ließ, so ließ sie dann seine seelischen Knochen knirschen. Sie gab immer erst Ruhe, wenn es nichts mehr gab, was man brechen konnte.

Bei diesem Gedankengang wurde ihr wieder langsam warm ums Herz.

Doch der letzte ließ sie nicht mehr los.

Er war anders gewesen.

Immer wenn es regnete, musste sie an ihn denken

Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!